Im internationalen Standortwettbewerb

Die bereits in den Fünfzigerjahren einsetzende Bevorzugung Frankfurts als Bankenstandort entwickelte bald eine eigene Dynamik. Die Rezentralisierung der durch die Alliierten zerschlagenen Großbanken (1957), die zumindest im Falle der Deutschen Bank sowie der Dresdner Bank zugunsten Frankfurts ausfiel, das als Hauptsitz der Institute auserkoren wurde, war ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung des Bankenstandorts. Die Zentralisierung zugunsten Frankfurts verstärkte sich weiter mit der Ausweitung der elektronischen Datenverarbeitung, die mit den Anforderungen des wachsenden Mengengeschäfts Schritt halten musste.
Die rasant wachsende außenwirtschaftliche Verflechtung der Bundesrepublik wirkte sich ebenfalls zugunsten des Finanzplatzes Frankfurt aus, denn sie gab der Außenhandelsfinanzierung Auftrieb, die sich hier bereits in den Fünfzigerjahren ansiedelte, da für ihre Refinanzierung die Nähe zum Geldmarkt und damit zur Bundesbank entscheidend war. Sie förderte den Frankfurter Standort zunehmend aber auch im Bereich der Kapitalmärkte. Voraussetzung dafür war die 1958 erreichte Konvertierbarkeit der Deutschen Mark. Die Frankfurter Wertpapierbörse, deren Bedeutung bereits für inländische Emittenten und Anleger zugenommen hatte – so hatte sich auch die Mehrheit der Kapitalanlagegesellschaften in Frankfurt angesiedelt – bezog aus dieser Entwicklung große Dynamik, insbesondere als in den Siebzigerjahren der Markt für DM-Auslandsanleihen stark expandierte und auch die Nachfrage nach deutschen Wertpapieren durch die Petro-Dollars anstieg. Die parallel dazu voranschreitende Internationalisierung der deutschen Banken war ein wichtiger Faktor der wachsenden internationalen Bedeutung des Frankfurter Finanzplatzes. Ein Hauptindikator für die wachsende Internationalität Frankfurts und zugleich eine ihrer wichtigsten Triebkräfte war die steigende Präsenz der Auslandsbanken, die 1967 in Frankfurt erstmals zahlreicher vertreten waren als an den anderen deutschen Finanzplätzen. Zu ihren geschäftlichen Schwerpunkten entwickelten sich neben der Begleitung ihrer ausländischen (Unternehmens-)Kunden auf dem deutschen Markt und Dienstleistungen für deutsche Kunden im ausländischen Heimatmarkt das Interbankengeschäft, der Devisen- und Wertpapierhandel, seit Mitte der Achtzigerjahren insbesondere mit Derivaten, das Emissionsgeschäft und die M&A-Beratung.
Diese Entwicklung wurde wesentlich durch die seit 1985 unter dem Vorzeichen des Europäischen Binnenmarkts sowie seit 1992 mit der Perspektive der Währungsunion forcierten Reformmaßnahmen und Liberalisierungsschritte befördert, die unter anderem die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Finanzmärkte und somit des Finanzplatzes Frankfurt sichern sollten. Die drei Finanzmarktförderungsgesetze von 1990, 1994 und 1998 verbesserten die Geschäftsmöglichkeiten für in- und ausländische Akteure am deutschen Finanzplatz, indem sie steuerliche Benachteiligungen und rechtliche Schranken beseitigten. Sie schlossen ferner Regulierungslücken, um für mehr Transparenz auf den Kapitalmärkten zu sorgen. Die Umsetzung der EU-Bankrechtskoordinierungsrichtlinie von 1993 ermöglichte es den Kreditinstituten, sich allein auf der Grundlage der Banklizenz ihres Heimatlandes in allen anderen Staaten der Gemeinschaft niederzulassen. Die Bundesbank beseitigte Beschränkungen von Auslandsbanken im Emissionsgeschäft mit DM-Anleihen. Der Börsenplatz Frankfurt wurde durch die Harmonisierung der rechtlichen Rahmenbedingungen gestärkt sowie durch Modernisierungsschritte, die in der Gründung der Deutsche Börse AG zum Ausdruck kamen und unter anderem die Computerisierung sowie die Einführung neuer Marktsegmente zur Folge hatten. Heute ist Frankfurt der bedeutendste Standort für Banken und Finanzdienstleistungen in Deutschland. In der Bankwissenschaft und in der Praxis gewann das bereits 1967 gegründete Institut für Kapitalmarktforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität als heutiges Center for Financial Studies immer größere Aufmerksamkeit. Die 1960 gegründete Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management DVFA sowie das Deutsche Aktieninstitut leisteten mit ihren Einzeluntersuchungen und Gutachten sowie ihren Vortrags- und Forbildungsaktivitäten wichtige Beiträge zur Entwicklung der Aktienkultur in Deutschland. Frankfurt profitierte als Wissenschafts- und Bildungsstandort dabei stets vom traditionellen Mäzenatentum der Frankfurter Bankiers und Unternehmer. Die Anzahl und Bedeutung der Kreditinstitute, der Börse, der übrigen Finanzintermediäre, aber auch der fachbezogenen Wissenschaftseinrichtungen sichern heute seine führende Stellung als kontinentaleuropäisches Finanzzentrum.
Die internationale Finanzkrise hat auch am Finanzplatz Frankfurt ihre Spuren hinterlassen. Aber sie hat auch die Bedeutung der Wirtschaftsgeschichte für das Selbstverständnis und die Entwicklung des Finanzplatzes wieder einmal deutlich gemacht. Die Nobelpreisträger Georg Akerlof und Joseph E. Stiglitz bemerken dazu im Herbst 2009, dass die Krise vergangenen Finanzkrisen in bemerkenswerter Weise ähnelt und auch Carmen M. Reinhart und Kenneth Rogoff stellen in ihren Studien zu den Finanzkrisen aus acht Jahrhunderten fest, dass sich die Krisenursachen und Krisenmuster mit schöner Regelmäßigkeit wiederholen – entgegen der jeweils anzutreffenden Einschätzung „This time is different“. Sieht man davon ab, dass die Komplexität der neuen Finanzprodukte die Transparenz der Märkte deutlich verringert hat, so gilt ihr Credo, dass wir von der Wirtschaftsgeschichte viel lernen können, auch in turbulenten Zeiten.
Weiterführende Literatur:
Bernd Baehring, Börsen-Zeiten: Frankfurt in vier Jahrhunderten zwischen Antwerpen, Wien, New York und Berlin. Frankfurt am Main 1985.
Bernd Baehring, Finanzzentrum Frankfurt. Düsseldorf et al. 1987.
Alexander Dietz, Frankfurter Handelsgeschichte, 4 Bde. Frankfurt am Main 1910-1925 (Nachdruck Glashütten 1970-1972).
Carl-Ludwig Holtfrerich, Finanzplatz Frankfurt. Von der mittelalterlichen Messestadt zum europäischen Bankenzentrum. München 1999.
Michael H. Grote, Die Entwicklung des Finanzplatzes Frankfurt. Eine evolutionsökonomische Untersuchung (Untersuchungen über das Spar-, Giro- und Kreditwesen : Abteilung A, Wirtschaftswissenschaft 177). Berlin 2004.
Hans Pohl (Hrsg.), Deutsche Börsengeschichte. Frankfurt am Main 1992.


